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Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe von A bis Z

Johann Wolfgang von Goethe, geboren im Jahre 1749 in Frankfurt am Mai, war ein berühmter deutscher Dichter, der außerdem auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten forschte und publizierte. Seit 1776 besaß er diverse administrative und politische Ämter.

Die literarische Produktion Goethes umfasst unter anderem erzählende Werke in Vers und Prosa, Lyrik, Dramen, autobiografische und naturwissenschaftliche Schriften. Seine europäische Berühmtheit erlange Goethe 1774 mit seinem Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Später wandte sich der Dichte den Idealen der Antike zu und wurde zusammen mit Friedrich Schiller einer der bedeutendsten Vertreter der Weimarer Klassik.

Die Wertschätzung von Johann Wolfgang von Goethe nahm nach seinem Tod Ende März 1832 zunächst ab. Seine Werke und Persönlichkeit wurden erst im Deutschen Kaiserreich beginnend mit dem Jahre 1871 von Bedeutung. Heute gehören seine Werke zu einem von vielen Höhepunkten der Weltliteratur.

Abschied

War unersättlich nach viel tausend Küssen
Und musst‘ mit einem Kuss am Ende scheiden.
Nach herber Trennung tief empfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,

   Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen,
So lang‘ ich’s deutlich sah, ein Schatz der Freuden;
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fern entwichnen lichten Finsternissen.

   Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte,
Fiel mir zurück ins Herz mein heiß‘ Verlangen;
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.

   Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte;
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt‘ ich alles, was ich je genossen.

– Johann Wolfgang von Goethe

Begeisterung

Fassest du die Muse nur beim Zipfel,
Hast du wenig nur getan;
Geist und Kunst auf ihrem höchsten Gipfel
Muten alle Menschen an.

– Johann Wolfgang von Goethe

Charade

   Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Dinge deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.

   Es tut gar wohl in jung und alten Tagen,
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen;
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.

   Nun aber such‘ ich ihnen zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still, doch hoff‘ ich’s zu erlangen:

   Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In einem Bild sie beide zu erblicken,
In einem Wesen beide zu umfangen.

– Johann Wolfgang von Goethe

Demut

Seh‘ ich die Werke der Meister an,
So seh‘ ich das, was sie getan;
Betracht‘ ich meine Siebensachen,
Seh‘ ich, was ich hätt‘ sollen machen.

– Johann Wolfgang von Goethe

Egalité

Das Größte will man nicht erreichen,
Man beneidet nur seinesgleichen;
Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,
Der jeden für seinesgleichen hält.

– Johann Wolfgang von Goethe

Ferne

Königen, sagt man, gab die Natur vor andern Gebornen
   Eines längeren Arms weit hinaus fassende Kraft.
Doch auch mir, dem Geringen, verlieh sie das fürstliche Vorrecht:
   Denn ich fasse von fern, halte dich, Lida, mir fest.

– Johann Wolfgang von Goethe

Gegenwart

   Alles kündet Dich an!
Erscheinet die herrliche Sonne,
Folgst Du, so hoff‘ ich es, bald.

   Trittst Du im Garten hervor,
So bist Du die Rose der Rosen,
Lilie der Lilien zugleich.

   Wenn Du im Tanze Dich regst,
So regen sich alle Gestirne
Mit Dir und um Dich umher.

   Nacht! Und so wär‘ es denn Nacht!
Nun überscheinst Du des Mondes
Lieblichen, ladenden Glanz.

   Ladend und lieblich bist Du,
Und Blumen, Mond und Gestirne
Huldigen, Sonne, nur Dir.

   Sonne, so sei Du auch mir
Die Schöpferin herrlicher Tage!
Leben und Ewigkeit ist’s.

– Johann Wolfgang von Goethe

Herkömmlich

Priester werden Messe singen,
Und die Pfarrer werden pred’gen;
Jeder wird vor allen Dingen
Seiner Meinung sich entled’gen
Und sich der Gemeine freuen,
Die sich um ihn her versammelt,
So im Alten wie im Neuen
Ungefähre Worte stammelt.
Und so lasset auch die Farben
Mich nach meiner Art verkünden,
Ohne Wunden, ohne Narben,
Mit der lässlichsten der Sünden

– Johann Wolfgang von Goethe

Ideale

Der Maler wagt’s mit Götterbildern,
Sein Höchstes hat er aufgestellt;
Doch, was er für unmöglich hält:
Dem Liebenden die Liebste schildern,
Er wag‘ es auch! Ein Traum wird frommen,
Ein Schattenbild ist hoch willkommen.

– Johann Wolfgang von Goethe

Jägers Abendlied

   Im Felde schleich‘ ich still und wild,
Gespannt mein Feuerrohr,
Da schwebt so licht Dein liebes Bild,
Dein süßes Bild mir vor.

   Du wandelst jetzt wohl still und mild
Durch Feld und liebes Tal,
Und ach, mein schnell verrauschend Bild,
Stellt sich Dir’s nicht einmal?

   Des Menschen, der die Welt durchstreift
Voll Unmut und Verdruss,
Nach Osten und nach Westen schweift,
Weil er Dich lassen muss.

   Mir ist es, denk‘ ich nur an Dich,
Als in den Mond zu sehn;
Ein stiller Friede kommt auf mich,
Weiß nicht, wie mir geschehn.

– Johann Wolfgang von Goethe

Kore

Ob Mutter? Tochter? Schwester? Enkelin?
Von Helios gezeugt? Von wer geboren?
Wohin gewandert? Wo versteckt? Verloren?
Gefunden? – Rätsel ist’s dem Künstlersinn.
Und ruhte sie verhüllt in düstre Schleier,
Vom Rauch umwirbelt acherontischer Feuer,
Die Gottnatur enthüllt sich zum Gewinn:
Nach höchster Schönheit muss die Jungfrau streben,
Sizilien verleiht ihr Götterleben.

– Johann Wolfgang von Goethe

Ländliches Glück

Seid, o Geister des Hains, o seid, ihr Nymphen des Flusses,
   Eurer Entfernten gedenk, eueren Nahen zur Lust!
Weihend feierten sie im stillen die ländlichen Feste;
   Wir, dem gebahnten Pfad folgend, beschleichen das Glück.
Amor wohne mit uns! Es macht der himmlische Knabe
   Gegenwärtige lieb und die Entfernten euch nah.

– Johann Wolfgang von Goethe

Memento

Kannst dem Schicksal widerstehen,
Aber manchmal gibt es Schläge;
Will’s nicht aus dem Wege gehen,
Ei! So geh du aus dem Wege!

– Johann Wolfgang von Goethe

Nachtgedanken

Euch bedaur‘ ich, unglücksel’ge Sterne,
Die ihr schön seid und so herrlich scheinet,
Dem bedrängten Schiffer gerne leuchtet,
Unbelohnt von Göttern und von Menschen:
Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!
Unaufhaltsam führen ew’ge Stunden
Eure Reihen durch den weiten Himmel.
Welche Reise habt ihr schon vollendet,
Seit ich, weilend in dem Arm der Liebsten,
Euer und der Mitternacht vergessen!

– Johann Wolfgang von Goethe

Ottilien v. Goethe

   Ehe wir nun weiter schreiten,
Halte still und sieh dich um:
Denn geschwätzig sind die Zeiten,
Und sie sind auch wieder stumm.

   Was du mir als Kind gewesen,
Was du mir als Mädchen warst,
Magst in deinem Innern lesen,
Wie du dir es offenbarst.

   Deiner Treue sei’s zum Lohne,
Wenn du diese Lieder singst,
Dass dem Vater in dem Sohne
Tüchtig-schöne Knaben bringst.

– Johann Wolfgang von Goethe

Perfektibilität

   Möcht‘ ich doch wohl besser sein,
Als ich bin! Was wär’e es?
Soll ich aber besser sein,
Als du bist, so lehr‘ es!

   Möcht‘ ich auch wohl besser sein
Als so mancher andre!
„Willst du besser sein als wir,
Lieber Freund, so wandre.“

– Johann Wolfgang von Goethe

Rettung

   Mein Mädchen ward mir ungetreu,
Das machte mich zum Freudenhasser;
Da lief ich an ein fließend Wasser,
Das Wasser lief vor mir vorbei.

   Da stand ich nun, verzweifelnd, stumm,
Im Kopfe war mir’s wie betrunken,
Fast wär‘ ich in den Strom gesunken,
Es ging die Welt mit mir herum.

   Auf einmal hört‘ ich was, das rief –
Ich wandte just dahin den Rücken –
Es war ein Stimmchen zum Entzücken:
„Nimm Dich in acht! Der Fluss ist tief.“

   Da lief mir was durchs ganze Blut,
Ich seh‘, so ist’s ein liebes Mädchen;
Ich fragte sie: „Wie heißt Du?“ „Kätchen!“
„O schönes Kätchen! Du bist gut.

   Du hältst vom Tode mich zurück,
Auf immer dank‘ ich Dir mein Leben;
Allein das heißt mir wenig geben,
Nun sei auch meines Lebens Glück!“

   Und dann klagt‘ ich ihr meine Not,
Sie schlug die Augen lieblich nieder;
Ich küsste sie, und sie mich wieder,
Und – vor der Hand nichts mehr vom Tod.

– Johann Wolfgang von Goethe

Scheintod

   Weint, Mädchen, hier bei Amors Grabe! Hier
Sank er von nichts, von ungefähr darnieder.
Doch ist er wirklich tot? Ich schwöre nicht dafür:
Ein Nichts, ein Ungefähr erweckt ihn öfters wieder.

– Johann Wolfgang von Goethe

Totalität

Ein Kavalier von Kopf und Herz
Ist überall willkommen;
Er hat mit feinem Witz und Scherz
Manch Weibchen eingenommen;
Doch wenn’s ihm fehlt an Faust und Kraft,
Wer mag ihn dann beschützen?
Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie mag der Edle sitzen?

– Johann Wolfgang von Goethe

Ultimatum

   Und so sag‘ ich zum letzten Male:
Natur hat weder Kern noch Schale;
Du prüfe dich nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!

   „Wir kennen dich, du Schalk!
Du machst nur Possen;
Vor unsrer Nase doch
Ist viel verschlossen.“

   Ihr folget falscher Spur;
Denkt nicht, wir scherzen!
Ist nicht der Kern der Natur
Menschen im Herzen?

– Johann Wolfgang von Goethe

Vielrat

Spricht man mit jedermann,
Da hört man keinen;
Stets wird ein andrer Mann
Auch anders meinen.
Was wäre Rat sodann
Vor unsern Ohren?
Kennst du nicht Mann für Mann,
Du bist verloren.

– Johann Wolfgang von Goethe

Wonne der Wehmut

   Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen der ewigen Liebe!
Ach, nur dem halbgetrockneten Auge
Wie öde, wie tot die Welt ihm erscheint!
Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen unglücklicher Liebe!

– Johann Wolfgang von Goethe

X hat sich nie des Wahren beflissen

X hat sich nie des Wahren beflissen,
Im Widerspruche fand er’s;
Nun glaubt er alles besser zu wissen,
Und weiß es nur anders.

– Johann Wolfgang von Goethe

Zeitmaß

Eros, wie seh‘ ich dich hier! In jeglichem Händchen die Sanduhr!
   Wie? Leichtsinniger Gott, missest du doppelt die Zeit?
„Langsam rinnen aus einer die Stunden entfernter Geliebten;
   Gegenwärtigen fließt eilig die zweite herab.“

– Johann Wolfgang von Goethe

Artikelbild: By Fewskulchor (Own work) [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

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