Ehrgeiziges Ziel: Werden bis 2020 eine Million Elektroautos Deutschlands Straßen befahren?

Die Bundesregierung hat sich vor geraumer Zeit zum Ziel gesetzt, bis 2020 rund eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu bringen. Ein ehrgeiziges Ziel, mit dem die Bürger nicht einverstanden zu sein scheinen.

Im Frühling dieses Jahres äußerte sich der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Mattias Wissmann, positiv zu diesem Thema: „Der Elektromobilität steht ihre beste Zeit noch bevor!“, verkündete er damals. Unrecht hat er nicht, wenn man den Start der Elektromobilität betrachtet, welcher nicht wie geplant verlief. Die Zukunft kann nur noch besser werden.

Man könnte versuchen, jemandem die Schuld für das allgemeine Problem in die Schuhe zu schieben. Die deutsche Automobilindustrie kann nicht als schuldig bezeichnet werden. Sie hat den neuen Trend keineswegs verschlafen. 2014 gab es 19 Serienmodelle mit Elektromotor. Bis Ende dieses Jahres soll die Zahl auf 29 steigen, so Wissmann während der Nationalen Konferenz Elektromobilität 2015. Die Produktpalette soll dann vom Kleinwagen bis zum edlen Flitzer reichen und so jedes Segment bedienen.

Die Evolution der deutschen Elektromobilität in Zahlen

Der dokumentierte Verkauf von Elektroautos begann im Jahr 2003. Die Fahrzeuge blieben jahrelang ein Nischenprodukt und verkauften sich eher schleppend. Erst ab 2009 gibt es nennenswerte Neuzulassungen, wie die Grafik zeigt:

2014 gab es insgesamt 8.522 Neuzulassungen von Elektroautos, 2.471 mehr als im Vorjahr. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2015 wurden bereits 3.631 Elektrofahrzeuge verkauft. Das entspricht etwa 726 Elektroautos pro Monat. Wenn dieser Absatz in den Folgemonaten anhält, könnte es dieses Jahr rund 8.712 Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen geben.

Trotz des prognostizierten Absatzwachstums bleiben die Verkaufszahlen auf demselben niedrigen Niveau. Das Erreichen des von der Bundesregierung festgelegten Ziels scheint unwahrscheinlich.

Das Rennen gegen die Zeit

Paul Scott, Gründungsmitglied von Plug In America, einer Gesellschaft, die die US-amerikanische Elektromobilität vorantreiben möchte, sieht gute Chancen für den Markt - jedoch erst ab 2017. Laut Scott werden die Preise für Batterien bis 2017 so stark fallen, dass Elektroautos günstiger und zu einer ernst zu nehmenden Alternative werden. Ab 2017 könnte das Elektroauto genauso viel kosten wie ein Benziner.

Ob drei Jahre genug Zeit sind, eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bringen, ist unwahrscheinlich. In den USA waren 2014 rund 100.000 E-Autos unterwegs. In Deutschland sind es weitaus weniger.

Das wünschen sich die Deutschen von ihrem Elektroauto

Abseits der Fakten zur aktuellen Situation von Elektroautos wäre es interessant zu ergründen, womit die schwachen Absatzzahlen zu begründen sind. Eine Analyse gibt Aufschluss über diese Frage:

  • Deutschland fördert die Elektromobilität mit nur 45 Euro je Elektroauto; Dänemark fördert mit 20.031 Euro
  • nur 37 Prozent der Deutschen sind bereit, weniger als zehn Prozent Aufschlag für ein Elektroauto zu zahlen; 35 Prozent würden weniger als fünf Prozent zahlen
  • 29 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Reichweite von mindestens 500 Kilometern; 23 Prozent erwarten zumindest 300 Kilometer
  • 46 Prozent der Befragten geben an, dass Elektroautos herkömmliche Pkws nie ersetzen werden können

Besonders verwunderlich ist die letzte Statistik. Sie verdeutlicht, dass Elektroautos ein Imageproblem besitzen. Viele Verbraucher scheinen Elektroautos nicht als eine ernst zu nehmende Alternative für den Benziner anzusehen.

Wie Impulse für den Kauf von Elektroautos geschaffen werden können

Während der Nationalen Konferenz Elektromobilität 2015, die Mitte Juni in Berlin stattfand, verdeutlichte Mattias Wissmann, dass das ehrgeizige Ziel der Bundesregierung nur dann erreichbar ist, wenn die Politik jetzt eingreift und die nötigen Weichen stellt.

Wissmann beschreibt eine 50-Prozent-Abschreibung im ersten Jahr für einen kostengünstigen, wirksamen Impuls. Dieser gilt jedoch nur für elektrische Firmenwagen. Er weiß aber auch, dass der Neuwagenmarkt zu 60 Prozent aus gewerblichen Fahrzeugen besteht. Firmenwagen legen auch zu 50 Prozent größere Strecken zurück als private Fahrzeuge.

Im Privatbereich müssen Pkw-Fahrer beweisen, dass sie in Zukunft umweltbewusst von A nach B kommen möchten. Anreize hierzu hat unter anderem der Stromanbieter LichtBlick in Zusammenarbeit mit der VW Bank geschaffen: BluePower ist ein spezieller Stromtarif, der aus emissionsfreiem Strom ohne die Freisetzung von CO2 erzeugt wird. Den Strom produzieren Wasserkraftwerke in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Auch beim Auftanken hat Deutschland Nachholbedarf. Besitzer von Elektrofahrzeugen müssen ihr Auto nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs auftanken. Derzeit gibt es laut e-stations.de über 5.800 Ladepunkte in ganz Deutschland (Stand: Juli 2015).

Verkaufsförderung: Ein Blick zu den Nachbarn

Der Erfolg von Elektroautos in anderen Ländern ist Grund genug, zu prüfen, was sie im Vergleich zu Deutschland anders machen. In den Niederlanden beispielsweise zahlen die Käufer von Elektroautos weniger Steuern. Sie haben sogar das Recht, in zahlreichen Städten kostenlos zu parken. In Schweden winken ähnliche Vorteile: Sowohl im Bereich Steuern als auch in Form einer Kaufprämie.

Europäischer Führer im Bereich Elektroautos ist jedoch Norwegen: Rund 8.100 dieser Fahrzeuge wurden hier im ersten Quartal 2015 verkauft. Die Neuzulassungen von Elektroautos machen 22,9 Prozent des gesamten norwegischen Automarktes aus. Der Grund ist simpel: Für Benzin- und Dieselmotoren müssen Norweger hohe Steuern zahlen. Bei Elektrofahrzeugen fallen diese aktuell nicht an.

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